Henriette Wesselny
Das tote Kind

Im Nachlass ihrer verstorbenen Mutter stoßen zwei Schwestern auf ein von ihr verfasstes Manuskript: „Das tote Kind“.
In der Geschichte des toten Kindes finden sie erstaunliche Parallelen zu ihrem Leben und decken ein gut gehütetes Geheimnis ihrer Mutter auf, das sie in ihren Grundfesten erschüttert.

16,95 Euro
404 Seiten
Taschenbuch
ISBN 978-3-944514-25-3
Iris Kater Literaturverlag

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Leseprobe


Um drei Uhr nachmittags, als die Familie Kania mit den engsten Angehörigen in ihrem kühlen Wohnzimmer saß und auf den Kaffee wartete, der frisch aufgebrüht wurde, klingelte Lars mit drei Leuten von der Spurensicherung bei Backhaus, wies die Männer ein, holte dann Dagmar vom Auto ab, wo sie in der heißen Sonne auf ihn gewartet hatte und ging mit ihr zusammen zu dem letzten Reihenhaus, das drei Klingelknöpfe mit dem Namen Krieg besaß: Norbert Krieg, Adalbert Krieg und Susanne Krieg. Sie klingelten ungern, zögernd und nach einem sich gegenseitig ermunternden Blick bei ´Adalbert`.

Susanne öffnete, noch in ihrem schwarzen Kleid von der Beerdigung, Pascal kam neugierig dazu und beide ahnten, dass Dagmar Laurenz und Lars Freye ihnen nicht Gutes zu erzählen hatten.

Susanne weinte, Frau Krieg schimpfte und weinte, ihr Mann schimpfte ausschließlich und Pascal saß tränenlos und stumm auf dem vorderen Rand der Couch. Dagmar und Lars hatten nicht alles erzählt, sondern nur, dass sich Norbert in einem Wald selbst getötet hatte. Herr Krieg vermutete irgendeine Verschwörung gegen seinen Sohn, Frau Krieg wetterte auf die schlechte Welt im Allgemeinen. Beide waren davon überzeugt, dass seine Arbeitskollegen ihn gemobbt und damit in den Tod getrieben hätten. An dieser Stelle musste Dagmar fragen:
„Wussten Sie nicht, dass Ihr Sohn arbeitslos war?“
Sie wussten es nicht und sie glaubten es nicht. Susanne brachte zwischen ihren Tränen heraus, dass sie so etwas vermutet habe.
„Und du Pascal?“
Dagmar setzte sich jetzt zu dem Jungen und versuchte, ihn in den Arm zu nehmen. Er nickte.
„Du wusstest es?“
Er nickte abermals.
„So ein Quatsch“, polterte Herr Krieg los, „was soll der Junge schon wissen?“
„Ich glaub, Pascal weiß ganz viel“, sagte Susanne.
Sie drehte sich zu ihm um: „Komm mal her, Pascal.“
Dagmar war froh, dass endlich jemand an den Jungen dachte und drängte ihn, als er zögerte, ein wenig in Susannes Richtung. Diese zog ihn auf ihren Schoß, was er sich steif und fast abwehrend gefallen ließ.

„Es müsste ihn jemand identifizieren“, sagte Lars.
Susanne nickte: „Ich mach das. Ich möchte ihn sowieso noch mal sehen.“
„Ich auch“, sagte Pascal leise.
„Du etwas später, ja?“, wandte Dagmar ein.
„Morgen kommt Susanne erst mal zu uns, und du kannst ihn dann später sehen.“
Das passte ihr gut, dann könnte sie morgen in Ruhe mit Susanne alles Übrige besprechen. „Meinen Sie, wir wollen ihn nicht sehen?“, kam es in einem aggressiven Ton von Frau Krieg. „Aber sicher, das können Sie auch später, zusammen mit ihrem Enkel.“

Als sie sich verabschiedeten, überlegte Herr Krieg laut, dass er die Firma Wellmann und Co. verklagen werde. Sie sei ihm nie ganz koscher vorgekommen. Und jetzt habe sie seinen Sohn auf dem Gewissen.

Sie standen auf der Straße und Dagmar war einerseits erleichtert, dass sie diesen Besuch hinter sich hatte, andererseits sah sie Pascal immer noch so verloren auf der Couch sitzen. „Susanne kümmert sich um ihn, oder?“
Sie sah Lars bittend an, dass er sie beruhigen möge. Das tat er.
„Aber ja, sie kümmert sich um ihn. Sie ist die einzig Gesunde und Gescheite. Sie macht das schon. Und morgen werden wir ihr noch ein paar Überraschungen bereiten.“
Er legte einen Arm um Dagmars Schulter und schob sie vorsichtig von dem Haus der Kriegs weg und in Richtung zur Familie Backhaus. So wie heute hatte er seine Kollegin noch nie erlebt – dass sie fast überwältigt wurde von ihren Gefühlen und ihr nüchterner Polizeiverstand auf der Strecke blieb. Nie hätte er sich vorstellen können, dass er mal für sie mitdenken müsste.

„Wie ist das? Traust du dir noch zu, mit nach Backhaus rein zu kommen oder willst du hier auf mich warten?“
Dagmar seufzte tief und sagte dann:
„Ich komm mit, aber ich wäre dir dankbar, wenn ich nichts sagen muss.“
„Okay, ich mach das schon. Dann komm!“

Die zwei Autos waren aus Holz, bunt und so groß, dass eine Kinderhand sie gut halten konnte. Eines hatte das Autodach wie einen Griff geformt, sodass man es leicht daran greifen und über den Boden rollen konnte. Ganz eindeutig gehörten sie nicht den Backhaus-Mädchen, die im Grundschulalter waren. Routinemäßig hatte der Kollege von der Spurensicherung sie in Plastiktüten gepackt, obwohl man in Punkto Fingerabdrücke wohl nichts Relevantes mehr finden würde.

„Ein Kellerfenster ist defekt“, erklärte jetzt der Kollege.
„Konnte man auf den ersten Blick nicht erkennen. Ist wahrscheinlich herausgenommen und perfekt wieder eingesetzt worden.“
Er nickte mit dem Kopf in Richtung der Eheleute Backhaus, die ziemlich betroffen am Esstisch saßen.
„Das haben wir nicht gewusst“, sagte Frau Backhaus und sah sie mit großen Augen an. Ihr Mann schüttelte den Kopf:
„Und ich hab alles noch überprüft, als wir in Urlaub fuhren. Es ist mir ein Rätsel, ein absolutes Rätsel.“
„Wahrscheinlich ist es schon länger defekt, Herr Backhaus. Aber es ist ja das Fenster von dem Vorratskeller, das Sie nie öffnen“, versuchte der Kollege der Spurensicherung eine Erklärung abzugeben.
„Was ist mit Fingerabdrücken an dem Fenster?“, fragte Lars.
„Sorgfältig abgewischt. Also können wir davon ausgehen, dass das der Einstieg ins Haus war.“

„Haben Sie sonst noch etwas gefunden?“, fragte Lars die Kollegen. Aber sonst gab es nichts. Wenn es Fußspuren im Garten gegeben hatte, so waren sie verwischt worden.
„Da ist jemand umsichtig zu Werk gegangen“, schloss der Kollege ab.

Die Polizeibeamten verließen die Familie Backhaus, ratlos war sowohl die eine als auch die andere Partei.

Dieses war ein schlechter Montag.